Fürst Hans-Adam II.

Ansprache zum Staatsfeiertag

15. August 2000

IDas Fürstentum Liechtenstein befindet sich seit einiger Zeit in der grössten innen- und aussenpolitischen Krise seit dem 2. Weltkrieg. So dramatisch die Situation auch ist, dürfen wir nicht vergessen, dass die Lage im 2. Weltkrieg und davor noch sehr viel dramatischer war als heute. Liechtenstein war damals ein sehr armes Land, innenpolitisch zerstritten und von 1938 bis 1945 in seiner Existenz durch das Dritte Reich bedroht.

Seither haben wir einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, den selbst die grössten Optimisten nicht erwarten konnten. Entgegen dem besonders im Ausland herrschenden Vorurteil ist nicht der Finanzplatz und erst recht nicht der Tourismus die Grundlage dieses Aufschwungs gewesen, sondern der industrielle Sektor. 46 % der Arbeitsplätze befinden sich in diesem Sektor und nur rund 13 % im Finanzdienstleistungsbereich. Diese Zahlen soll man nicht vergessen, wenn von der Bedrohung des liechtensteinischen Finanzplatzes gesprochen wird.

Trotz der Angriffe auf den Finanzplatz Liechtenstein steht das Fürstentum aussenpolitisch so stark da wie noch nie in seiner Geschichte. Vor rund 25 Jahren waren noch einflussreiche Staaten gegen eine gleichberechtigte Mitgliedschaft Liechtensteins in der UNO. Jetzt sind wir in allen für uns entscheidenden internationalen und europäischen Organisationen ein gleichberechtigtes Mitglied. Diese Mitgliedschaften, besonders aber die Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum geben uns einen gewissen Schutz gegen wirtschaftliche Sanktionen im Zusammenhang mit den Angriffen auf den Finanzplatz.

Ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam, d.h. Volk und Fürstenhaus, so wie in der Vergangenheit auch in der Zukunft die innen- und aussenpolitischen Probleme unseres kleinen Heimatlandes lösen werden. Das grösste innenpolitische Problem ist derzeit die ungelöste Verfassungsfrage und dort können wir selbst entscheiden, wann und wie wir diese lösen. Die aussenpolitischen Probleme, insbesondere die Angriffe auf den Finanzplatz werden uns wahrscheinlich noch mehrere Jahre beschäftigen, und deshalb sollten wir möglichst rasch dieses innenpolitische Problem lösen, um uns gemeinsam mit vereinten Kräften den aussenpolitischen Herausforderungen zu stellen. Nach den Wahlen, sobald die neue Regierung gebildet ist, werden der Erbprinz und ich auf eine schnelle Entscheidung drängen, damit die Verfassungsfrage nicht noch länger die Zusammenarbeit mit Regierung und Landtag belastet. Verglichen aber mit den innenpolitischen Streitereien in den 30er Jahren und der Anschlussbewegung an das Dritte Reich ist die Verfassungsdiskussion zwar eine Belastung, aber vorderhand noch keine existenzbedrohende Krise unserer Staatsform.

Der Dialog in wichtigen Fragen zwischen dem Fürstenhaus einerseits sowie dem Landtag und der Regierung andererseits verläuft nicht so, wie dies zum Wohl des Landes notwendig wäre. Im Zeitalter der Demokratie genügt nicht mehr der Dialog zwischen Monarchie und Oligarchie. Die Verfassungsdiskussionen auf dem Schloss mit der Bevölkerung haben gezeigt, dass auch der Dialog zwischen Volk und Monarchie nützlich und notwendig ist.

Wir sind zuversichtlich, dass die Mehrheit der liechtensteinischen Bevölkerung weiterhin wünscht, dass sich das Fürstenhaus für die Zukunft dieses Landes einsetzt. Der Erbprinz wird deshalb nicht die Entscheidung über die zukünftige Stellung der Monarchie in der Verfassung abwarten, sondern jetzt schon beginnen, sich mit dem Zukunftsprogramm unseres Landes auseinanderzusetzen. Der Vorteil einer Monarchie, welche politische Verantwortung für das Land trägt, ist, dass sie sich langfristig über Generationen hinweg mit den politischen Problemen eines Landes auseinandersetzen kann. Besonders für ein kleines Land wie das unsrige ist es wichtig, dass sich jemand frühzeitig mit den Entwicklungen in der Welt und in Europa beschäftigt. Unser kleines Heimatland ist von diesen Entwicklungen sehr viel abhängiger als ein grosses und muss deshalb im Ernstfall sehr viel schneller und flexibler reagieren können, um zu überleben und zu gedeihen. Wir leben im Zeitalter der Globalisierung, die den Kleinstaat in seiner Existenz bedrohen kann, ihm aber auch viele Chancen bietet.

Darf ich Sie nach der Ansprache des Landtagspräsidenten zu einer Erfrischung vor dem Schloss einladen und auf diesem Weg auch all jenen danken, die an diesem Festtag mitwirken. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und Gottes Segen.